Von Nadja Buoyardane

Warum dauert Schreiben so lange?

Viele Schreibende fühlen sich frustriert, wenn sie „Zeit“ für einen Text brauchen, ja, wenn sie einen Text nicht einfach zwischen Tür und Angel schreiben können. Heute zeigen wir, warum Schreiben komplexer ist als Sie denken. Warum es ganz normal ist, wenn Sie Zeit für einen Text brauchen. Einfach, damit Sie wissen, was Sie beim Schreiben wirklich leisten (Spoiler Alert: eine ganz schöne Menge).

Was Ihr Gehirn beim Schreiben leistet (eine vereinfachte Darstellung)

Schreiben ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Während des Schreibens jonglieren wir mehrere Aufgaben gleichzeitig in unserem Arbeitsgedächtnis. Jede einzelne Aufgabe nimmt dabei weniger oder mehr Kapazität in Anspruch – abhängig davon, wie komplex die Anforderung ist und wie geübt wir sind. Fast automatisierte Aufgaben brauchen weniger Speicherplatz als solche, die wir nur selten ausüben und für die Sie sich die einzelnen Schritte aktiv ins Gedächtnis rufen müssen.

Unser Arbeitsgedächtnis ist das System, in dem wir vorübergehend Informationen speichern, die wir für eine Aufgabe benötigen. Es ist eine Form des Kurzzeitgedächtnisses, jedoch nicht identisch mit diesem. Während das Kurzzeitgedächtnis Informationen nicht weiterverarbeitet, ermöglicht uns das Arbeitsgedächtnis, die gespeicherten Informationen zu bearbeiten, zu kombinieren, darüber nachzudenken und mit Inhalten aus dem Langzeitgedächtnis (die ins Arbeitsgedächtnis geladen werden) zu verknüpfen. Wir brauchen dies zum Beispiel beim Kopfrechnen oder wenn wir jemandem zuhören. Sonst hätten wir am Ende des Satzes schon vergessen, was der andere am Anfang gesagt hat. Wichtig: Unser Arbeitsgedächtnis ist begrenzt, wir können es nur bedingt durch Training erweitern.

Beim Schreiben ist unser Arbeitsgedächtnis mit diesen Aufgaben beschäftigt:

  • Inhalt: Wir machen uns über den Inhalt unseres Textes Gedanken, versuchen unser Thema zu durchdringen, denken darüber nach, gewinnen während des Schreibens neue Erkenntnisse, ziehen neue Schlüsse und und und.
  • Gliederung: Wir überlegen uns, in welcher Reihenfolge wir das Thema entfalten; entscheiden, welche Aspekte wichtig sind und anschließend, wie wir von Aspekt 1 zu Aspekt 2, 3 und schließlich 4 kommen. Kurz: Wie wir unsere Inhalte gliedern und die Leser durch den Text führen.
  • Adressat: Wir machen uns Gedanken über die Adressaten des Textes, darüber wer sie sind, was sie wissen und was nicht. Die Vorstellung, die wir vom Adressaten unseres Textes haben, wirkt auf den Text. Wir schreiben anders, wenn wir uns an einen vertrauten Leser wenden, als wenn wir einen Text an eine uns unbekannte Leserschaft richten. Wir schreiben für Laien anders als für Experten, für Kinder anders als für Erwachsene.
  • Verknüpfungen: Wir verbinden unser Wissen über unser Thema mit unserem Wissen über die Welt im Allgemeinen. Wir ziehen aus unserem Allgemeinwissen, was wir für den Text brauchen und verbinden dies mit unserem Fachwissen. Diese Verbindungen während des Schreibens zu ziehen ist gerade für ungeübte Schreibende oft schwierig, weil ihr Arbeitsgedächtnis mit den anderen Anforderungen des Schreiben aus- bzw. überlastet ist.
  • Wortschatz und Grammatik: Während des Schreibens laden wir die passenden Wörter aus unserem Wortschatz sowie unser Wissen über Grammatik in unseren Arbeitsspeicher. Anders ausgedrückt: Wir suchen beim Schreiben nach den Wörtern, die unser Anliegen treffen, und setzen diese Wörter dann in die grammatikalisch richtige Form.
  • Emotionen und  Motivation: Gleichzeitig sind es nicht nur kognitive Aufgaben, die beim Schreiben anfallen. Ein großer Teil unseres Arbeitsgedächtnisses wird vor allem von unseren Gefühlen beansprucht. Wie es uns im Allgemeinen geht, in welcher Situation wir uns gerade befinden, beeinflusst unser Schreiben genauso wie unsere Gefühle gegenüber der Schreibaufgabe. Ein Beispiel: Wenn Sie emotional etwas anderes als Ihre Schreibaufgabe beschäftigt, dann fällt es Ihnen schwer, sich auf diese zu konzentrieren. Ihre Gedanken kreisen immer wieder um das, was Sie tatsächlich bewegt. Wenn wir hingegen unsere Schreibaufgabe gerne angehen, dann geht sie uns viel leichter von der Hand.

Allein das ist schon ganz schön viel, was während des Schreibens die Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses in Anspruch nimmt. Doch das ist allein das, was im Innern des bzw. der Schreibenden abläuft. Nun kommen noch externe Einflussfaktoren hinzu:

  • Ihre physische Umwelt: Geräusche, Gerüche, Lichtverhältnisse … Ob es laut oder leise ist, ob Sie allein sind oder ob um Sie herum Menschen sind, beeinflusst Ihr Schreiben. So ist es etwas anderes, wenn Sie in einem ruhigen Cottage mit Blick auf die Natur schreiben, als wenn Sie an einem belebten Bahnhofsvorplatz sitzen. Geräusche oder Ablenkungen auszublenden, verzehrt Energie – Energie, die Ihnen nicht für Ihre Arbeit zur Verfügung steht. Auch ob Sie mit einem Stift auf Papier oder mit dem Computer schreiben, hat einen Einfluss. Schließlich ist es etwas anderes, wenn Sie versuchen Ihren Text möglichst linear von Anfang bis zum Ende zu schreiben, weil Sie mit Stift und Papier arbeiten, oder ob Sie am Computer Absätze hin und her schieben und mit Copy & Paste arbeiten können. Zum anderen müssen Sie die „Bedienungsanleitung“ des jeweiligen Mediums in Ihren Arbeitsspeicher laden. Sie müssen sich erinnern, wie ein A, ein B, ein C geschrieben wird oder wie Sie eine Datei speichern. Diese Dinge laufen zwar meist fast automatisch ab – trotzdem belegen auch sie einen Teil Ihres Arbeitsspeichers.
  • Soziale Umwelt: Die Menschen, die uns umgeben, wie Kolleginnen und Vorgesetzte, Freunde und Familie, sind wichtig für uns. Ihre Meinungen zu unserem Text beeinflussen unser Schreiben. Hinzu kommt unser Wissen über soziale Konventionen, Hierarchien und Codes. Das, was wir gesellschaftlich akzeptiert schreiben dürfen und was nicht, welche Themen wir wie direkt oder indirekt ansprechen dürfen, wirkt also ebenfalls auf unseren Text.
  • Und zu guter Letzt wirkt auch der geschriebene Text zurück. Das, was Sie zu Papier gebracht haben, beeinflusst das, was Sie noch zu Papier bringen werden. Sie passen Ihren weiteren Text dem existierenden Text an bzw. ändern den existierenden Text so, dass er zum geplanten weiteren Text passt.

Unser Gehirn braucht eine ganze Menge an Energie, um unser Arbeitsgedächtnis aufrechtzuerhalten. Daher ist Schreiben anstrengend. Je mehr Sie parallel jonglieren, umso anstrengender wird es, umso mehr Energie brauchen Sie, umso langsamer werden Sie. Das ist wie bei einem Computer, wenn Sie zu viele Programme auf einmal öffnen.

Dies ist der Grund, warum Sie das Schreiben in mehrere Schritte zerlegen sollten: um Ihr Arbeitsgedächtnis zu entlasten und um letztlich schneller und leichter zu schreiben (mehr zum Schreibprozess finden Sie hier).

Wenn Sie also (wieder) einmal denken „Das müsste doch alles schneller gehen“, machen Sie sich bewusst, was Sie beim Schreiben gerade leisten. Und zerlegen Sie es in kleinere Schritte.

Herzlichst

Nadja Buoyardane und Franziska Nauck

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