Von Nadja Buoyardane

So machen Sie aus Ihrem inneren Kritiker einen Freund

Vergangene Woche haben wir darüber geschrieben, was Sie gegen Perfektionismus beim Schreiben tun können. Als häufige Ursache dafür haben wir einen zu strengen inneren Kritiker benannt. Nun wollen wir uns näher anschauen, wie Sie aus Ihrem strengen inneren Kritiker einen wohlwollenden Freund machen oder ihm einen solchen zur Seite stellen. Damit Sie sich beim Schreiben nicht unnötig blockiert fühlen müssen.

Schreiben hat viel mit unserem Selbstbewusstsein und unserem Mut zu Entscheidungen zu tun. Jeder Text besteht aus hunderten, ja tausenden kleinen Entscheidungen: Ist es besser, wenn ich das Wichtigste nach vorne nehme oder sollte ich lieber einen Spannungsbogen aufbauen? Betone ich lieber Fakt X oder Fakt Y? Ist Argument A oder Argument B wichtiger? Welches Wort wähle ich hier, welches dort? Und und und.

Machen Sie Ihren inneren Kritiker zu Ihrem Freund

Mit jeder dieser Entscheidungen zeigen wir ein bisschen von uns selbst. Denn Schreiben heißt auch, Position zu beziehen, zu seiner Meinung, zu einem Urteil zu stehen. Dieses steht dann ja schwarz auf weiß und für jeden nachlesbar da. Das macht uns unsicher. Und hier kommt unser innerer Kritiker ins Spiel.
Unser innerer Kritiker will uns eigentlich vor Enttäuschungen bewahren, doch oftmals ist er so hart und grausam zu uns, wie kaum ein Mensch aus unserem Umfeld es wäre. Er betont vor allem unsere Defizite. Was wir gut können, ist ihm meist keinen Atemzug wert. Er untergräbt damit unser Selbstbewusstsein – und das macht es uns beim Schreiben schwer. Aber wie können wir beim Schreiben unser Selbstbewusstsein (wieder) aufbauen? Probieren Sie einmal folgende Übung aus:

1) Machen Sie sich ein Bild von Ihrem inneren Kritiker

Lassen Sie uns kurz zurückgehen in die Zeit, in der Sie Ihre Gedanken und Gefühle statt in Worten in Bildern ausgedrückt haben. Nehmen Sie Stifte und Papier und malen Sie einmal Ihren inneren Kritiker. Wie sieht er oder sie für Sie aus? Ist es ein Mensch? Ein Tier? Etwas Abstraktes? Alternativ: Suchen Sie in Zeitschriften nach einem Bild, das für Sie Ihren Inneren Kritiker repräsentiert, schneiden Sie es aus.

2) Was sagt Ihr innerer Kritiker alles zu Ihnen?

Nachdem Sie Ihren inneren Kritiker nun als Bild vor sich haben: Schreiben Sie einmal auf, was er beim Schreiben zu Ihnen sagt. Machen Sie eine Liste und sammeln Sie alle seiner Aussagen, die Ihnen einfallen. Dies können ganz allgemeine Aussagen sein, wie „Du kannst einfach nicht schreiben“, aber auch – wenn Sie gerade an einem Text arbeiten – ganz konkrete, wie „An dieser Stelle ist der Übergang aber ganz schön holprig.“

Sie haben nun aufgeschrieben, was Ihr innerer Kritiker zu Ihnen sagt. Lesen Sie es sich durch. Welche Aussagen sind eher allgemein und, ja, auch gemein? Zum Beispiel „Das kannst du eh nicht!“ oder „Zum Schreiben fehlt dir einfach jedes Talent“. Doch schauen Sie auch: Gibt es irgendwo fundierte, konkrete Argumente, die auf ein konkretes Problem in Ihrem konkreten Text, an dem Sie arbeiten, oder auch in Ihren Texten allgemein abzielen? (Also nicht nur: „Das klingt nicht gut“, sondern: „Das klingt nicht gut, weil du an wieder in den Nominalstil gefallen bist.“)

3) Sammeln Sie Argumente gegen die Ihres inneren Kritikers

Nehmen Sie sich nun einen Text, an dem Sie gerade arbeiten, und gehen Sie ihn durch: Was gefällt Ihnen gut? Ja: GUT! Gehen Sie in Gedanken auch frühere Texte durch und notieren Sie, wo Sie etwas gut gemacht oder etwas Gutes mit Ihrem Text bewirkt haben. Das kann so aussehen:

  • Den Übergang von Argument A zu B finde ich gut gelungen. Klar und nachvollziehbar.
  • An dieser Stelle habe ich ein sehr gutes Beispiel gefunden. Das illustriert unser Problem sehr anschaulich.
  • Diese Formulierung bringt es gut auf den Punkt.

Vielleicht gibt es aber auch Dinge, die Ihnen allgemein zu Ihrem Schreiben einfallen. Zum Beispiel:

  • Meine Kollegen sagen immer, ich finde gute Vergleiche.
  • Meine Vorgesetzte lobt immer meine nachvollziehbare Argumentation.

Es fällt Ihnen schwer, etwas zu finden, was Ihnen gut gefällt? Dann fragen Sie Ihre Kollegen oder Ihren Schreibpartner.
So sammeln Sie eine ganze Liste an Argumenten, die Sie Ihrem inneren Kritiker entgegensetzen können.

4) Der Dialog mit dem inneren Kritiker

Jetzt geht es in den Ring: Schreiben Sie nun einen Dialog mit dem inneren Kritiker, in dem Sie ihn mit Gegenargumenten schachmatt setzen. Okay, wir wissen: Schachmatt-Setzen fällt vielen im ersten Anlauf schwer. Eben weil es uns oftmals so schwerfällt, etwas Positives über uns selbst zu sagen. Engagieren Sie deshalb in Gedanken eine Anwältin, die Sie verteidigt oder einen Freund, der Ihre Stelle im Gespräch einnimmt.
Ein Dialog mit dem inneren Kritiker kann zum Beispiel so aussehen:

Innerer Kritiker (IK): „Du kannst einfach nicht formulieren. Das klingt alles doof.“

Rechtsanwältin (RA): „Meine Mandantin ist noch mitten in der Arbeit. Dies ist ein erster Entwurf, der später überarbeitet wird.“

IK: „Keiner wird deine Argumente als wichtig ansehen. Du kannst es gleich bleiben lassen!“

RA: „Einspruch. Bei Projekt ABC hat meine Mandantin den entscheidenden Lösungsansatz geliefert, weil Sie noch die Faktoren D und F mit einbezogen hat. Sie hat dies in dem damaligen Text klar dargelegt und damit Ihre Fachkompetenz bewiesen. Ihre Meinung hat Gewicht.“

IK: „Aber die Argumentation ist nicht logisch. Ihre Mandantin springt von D nach G nach K nach P.“

RA: „Ich kann Ihr Argument nachvollziehen und werde dies mit meiner Mandantin besprechen. Für den Moment jedoch sammeln meine Mandantin und ich gerade alle Argumente und mögliche Gegenargumente. Wir werden beim Überarbeiten Ihren Einwand berücksichtigen.“

IK: „Und dort an dieser Stelle verfällt sie in Nominalstil.“

RA: „Sie haben Recht. Das wird meine Mandantin in der Überarbeitungsphase ändern.“

Sie merken: An den Stellen, an denen der Kritiker ungerechtfertigt losschlägt, greift die Anwältin ein. Bei den Aussagen, bei denen der Kritiker ganz konkrete Punkte kritisiert, ist sie bereit, diese zu überdenken.

Variante
Diese Übung können Sie auch gut mit einem Freund, einer Freundin machen. Bitten Sie diese, mit Ihnen die Argumente Ihres Kritikers durchzugehen und gemeinsam mit Ihnen Antworten zu finden. Wenn Sie einen Schreibpartner haben, wählen Sie zum Beispiel diesen als Ihren „Verteidiger“.
Diese Übung wird nicht mit einem Schlag Ihren inneren Kritiker in ein zahmes Kätzchen verwandeln. Aber wenn Sie sich immer wieder bewusst machen, was er oder sie sagt und immer geübter werden, seine oder ihre Argumente zu entkräften, so wird Ihr Kritiker immer mehr zu Ihrem Freund, der Ihnen durch seine (konkreten) Anmerkungen hilft, besser zu schreiben, anstatt Sie beim Schreiben zu blockieren.
Probieren Sie es aus. Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

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