Von Franziska Nauck

Übernehmen Sie Verantwortung – indem Sie aktiv formulieren

Aktiv oder lieber passiv? Das ist heute die Frage. Klar, wenn Sie uns inzwischen kennen, ahnen Sie es schon: aktiv formulieren lautet die Antwort – aber nicht immer.

Manchmal gibt es gute Gründe, etwas im Passiv zu formulieren. Zu häufig nutzen wir aber die Passivform ohne guten Grund. Und das schadet der Wirkung unserer Texte.

Unklar, wer was tut und Verantwortung übernimmt

Beim Passiv wird die Handlung im Satz von der Person oder Sache her gesehen, die diese Handlung „erleidet“. – Der anschauliche Begriff für das Passiv ist deshalb auch die „Leideform“.

Der Sprachexperte Wolf Schneider nennt das Passiv die „entmenschlichte Form des Verbs“. Das klingt drastisch, bringt aber den Effekt, den passivische Formulierungen haben, auf den Punkt: Das Subjekt wird versteckt, es bleibt ungenannt. Dadurch wirken Texte unverbindlich und vage.

Oft verwenden wir das Passiv gerade dann, wenn es für die Lesenden wichtig wäre zu wissen, wer handelt. Als Lesende bekommen wir dann den Eindruck: Hier will niemand die Verantwortung übernehmen. Oder schlimmer noch: Die Verantwortlichkeiten werden geradezu vertuscht!

Hier ein paar Beispiele, wie es aktiv geht:

Beispiel 1
Ihr Antrag wird in den nächsten Wochen bearbeitet.

Aha. Fragt sich der Leser da nicht unwillkürlich: „Und wer bearbeitet meinen Antrag? An wen kann ich mich mit meinen Fragen wenden? Wer ist verantwortlich?“

Lesefreundlicher ist deshalb:

Herr Kaufmann aus unserer Buchhaltung wird Ihren Antrag in den nächsten zwei Wochen bearbeiten.

Damit legen wir uns fest – benennen einen Verantwortlichen. Wenn wir in diesem Fall das Passiv wählen, lassen wir den Adressaten dagegen im Ungewissen.

Beispiel 2
aus einem Protokoll:

Es wurde ein Dank an alle Dolmetscherbüros für ihre besondere Einsatzbereitschaft im Namen der Dienststellenleitung ausgesprochen.

Es stellt sich die Frage, wer hat den Dank ausgesprochen? Gerade im Protokoll ist diese Information wichtig. Daher besser:

Frau Graf dankte im Namen der Dienststellenleitung allen Dolmetscherbüros für ihre besondere Einsatzbereitschaft.

Beispiel 3
In diesem Beispiel informiert die Rentenversicherung den Adressaten darüber, dass sie bestimmte Zahlungen überprüft hat:

Nach Klärung und Bereinigung des Sachverhalts wurde die Überprüfung erneut durchgeführt.

Der Vorgang bleibt abstrakt und es ist nicht greifbar, wer hier was geprüft hat. Eine dritte Institution?
Deshalb besser so:

Wir haben den Sachverhalt geklärt und anschließend Ihre Zahlungen erneut geprüft.

Beispiel 4
Das Beispiel kennen Sie bestimmt:

Der nächste Bahnhof wird in Kürze erreicht.

Besser:

Wir erreichen den nächsten Bahnhof in wenigen Minuten.

Besonders widersinnig: Passivformulierung mit Subjekt

Geradezu sinnlos ist ein Passiv, wenn das Subjekt im Satz genannt wird. Warum nicht gleich aktiv schreiben? Hier wieder ein paar Beispiele und wie sie sich auflösen lassen.

Beispiel 5
Die Kantine darf von Ihnen ab 12 Uhr genutzt werden.

Diese Formulierung zielt geradezu von hinten durch die Brust ins Auge. Aktiv und mit direkter Ansprache wirkt die Aussage viel persönlicher:

Gern können Sie unsere Kantine ab 12 Uhr nutzen.

Beispiel 6
Passiv bei reflexivem Verb:

Dort wurde sich zum Fall ausgetauscht und anschließend zum Grundstück gefahren.

Viel zu umständlich. Besser:

Die Experten tauschten sich dort zum Fall aus und fuhren anschließend zum Grundstück.

Doch wann ist Passiv sinnvoll?

Manchmal hat das Passiv dennoch seine Berechtigung: zum einen, wenn die Leideform wirklich ein Erleiden ausdrücken soll. Hier steht das Opfer im Mittelpunkt:

Unsere Katze wurde [von einem Auto] überfahren.
Christian wird oft wegen seiner langen Haare verspottet.

Oder wenn die handelnde Person die Lesenden nicht interessiert. Das ist oft in der Wissenschaft der Fall, wenn etwa Vorgänge oder Entwicklungen beschrieben werden.

Beispiel:
In der frühen Transformationsforschung wurde vor allem der Einfluss von technischen Innovationen auf den technologischen Wandel untersucht. Im Laufe der Zeit wurde diese Perspektive erweitert und Veränderungen wurden zunehmend als sozio-technischer Wandel beschrieben.

Hier stehen nicht die Forschenden im Zentrum, sondern die Methoden und deren Entwicklung.

Wie immer am Schluss: Hand aufs Herz. Wie halten Sie es mit dem Passiv? Schauen Sie sich Ihre Texte an, spüren Sie Passiv-Formulierungen auf und hinterfragen Sie sie.

Viel Spaß beim aktiven Schreiben!

Ihre Franziska Nauck und Nadja Buoyardane

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