Von Nadja Buoyardane

Text-Portfolio – So verbessern Sie sich Text für Text

Haben Sie manchmal das Gefühl, auf der Stelle zu treten? Sich beim Schreiben einfach nicht weiterzuentwickeln? Da kann Ihnen ein Schreibportfolio helfen, sich Ihre Fortschritte vor Augen zu führen – und gleichzeitig besser zu werden.

Erst mit Abstand erkennen wir, wie sich unser Schreiben verändert

Mit unseren Texten ist es wie mit dem Älterwerden: Wenn wir jeden Tag in den Spiegel schauen, bemerken wir kaum, was sich verändert. Erst wenn wir Bilder sehen, auf denen wir zehn Jahre jünger sind, sehen wir die Unterschiede. Das habe ich, Nadja, gerade selbst erlebt (das mit den Texten. Das mit dem Älterwerden natürlich nie, nimmer, nicht ).

Zurzeit bin ich beim Ausmisten. Dabei bin ich auf einige alte, ja, sehr alte Texte von mir gestoßen. Teilweise reichen sie bis in meine Schulzeit zurück. Eine spannende Reise zu einem früheren Ich. Einem Ich, das anders als das heutige Ich schrieb – und doch unverkennbar Ich bin.

Beim Lesen meiner alten Texte wurde mir bewusst, warum es in der Schreibdidaktik den Ansatz des Portfolios gibt: Es lässt uns unsere Fortschritte erkennen, regt uns zum Nachdenken über unser eigenes Schreiben an und lässt uns Schritt für Schritt besser werden.

Ihr Text-Portfolio zeigt Ihnen Ihre Fortschritte

Ein Portfolio ist eine Mappe, in der Texte oder Bilder (wir sprechen an dieser Stelle nicht über Aktienportfolios) gesammelt und präsentiert werden können. Wer ein Kindergartenkind hat, kennt wahrscheinlich diese Mappen, in denen die Zeichnungen der Kinder gesammelt werden. Diese „Mappen“ können natürlich auch digital sein.
In der Schreibdidaktik geht es beim Zusammenstellen eines Portfolios nicht nur darum, die eigenen Texte zu sammeln. Es geht darum, den Weg zu den Texten zu dokumentieren und über die eigene Arbeitsweise zu reflektieren.

Portfolios lassen sich daher in Prozess- und Produkt-Portfolios unterteilen:

  • Im Prozess-Portfolio dokumentieren Sie den Weg zu Ihrem Text. Sie halten fest, wie Sie dahin gekommen sind. Dies ist für Sie das eigentliche Lern-Portfolio.
  • Im Produkt-Portfolio sammeln Sie Ihre besten Texte, ähnlich einer Künstlermappe. Diese Texte können Sie jederzeit präsentieren – zum Beispiel bei Bewerbungen oder Bewertungsgesprächen.

Reflektieren Sie über Ihr Schreiben
Wenn Sie systematisch an Ihren Schreibfähigkeiten arbeiten wollen, empfehlen wir Ihnen, während der Arbeit ein Schreibtagebuch bzw. ein Arbeitsjournal zu führen. Daraus entsteht am Ende der Arbeit Ihr Prozess-Portfolio. Und mit der Zeit legen Sie sich Ihr Produkt-Portfolio an. Wie geht das?

Schreibtagebuch – Übers Schreiben reflektieren

Hier können Sie Ihre Gedanken und Gefühle während des Schreibprozesses ungefiltert festhalten. Seien Sie ehrlich mit sich selbst: Wie ging Ihnen das Schreiben von der Hand? Was lief gut? Was lief schlecht? Warum ging Ihnen das Schreiben nicht von der Hand? Fanden Sie das Thema, zu dem Sie schrieben, einfach sterbenslangweilig? Waren Sie nicht ausgeschlafen? Ging Ihnen etwas anderes durch den Kopf?

Mit der Zeit erkennen Sie möglicherweise ein Muster, wann es gut und wann es schlecht läuft. Und können immer dann, wenn es nicht so fließt, direkt entgegensteuern.

Wichtig: Diese offenen und ehrlichen Reflexionen sind nur für Sie bestimmt. Damit Sie garantiert nichts zensieren.

Arbeitsjournal – Das Schreiben planen

Im Unterschied zum Schreibtagebuch halten Sie im Arbeitsjournal die konkrete Arbeit am Text fest. Sie schreiben darüber, welche Methoden Sie angewandt haben, wie Sie eine Lösung für den Text gefunden haben, planen Ihre weitere Arbeit und und und.

Zum Beispiel notieren Sie am Ende jedes Arbeitstages, welche Schritte Sie für den kommenden Tag planen, so dass Sie am nächsten Tag sofort starten können – ohne sich erst einmal überlegen zu müssen, was jetzt zu tun ist. Das entlastet Ihr Gehirn – und lässt Sie in der Freizeit besser abschalten.

Im Arbeitsjournal dokumentieren Sie auch das Feedback, das Sie auf die verschiedenen Textversionen bekommen haben, und was Sie daraus mitnehmen.

Ein Beispiel:

Sie haben auf Ihren Rohtext die Rückmeldung bekommen, dass dieser noch zu viele Details enthält und noch nicht strukturiert genug ist. Dieses Feedback archivieren Sie zusammen mit dem Rohtext. Idealerweise reflektieren Sie über das Feedback: Erkennen Sie, was der Feedbackgeber meinte? Wo erkennen Sie zu viele Details und warum?
Um den Fortschritt Ihres Textes festzuhalten, heften Sie auch die überarbeitete Version sowie das Feedback dazu, das Sie auf diese Version bekommen haben. Auch hier nehmen Sie sich möglichst die Zeit, kurz darüber zu reflektieren, was die Unterschiede der Versionen sind, was das zweite Feedback bedeutet, ob Sie zufrieden sind, was Sie besser machen wollen und worüber Sie sonst noch nachdenken.

Auch das Arbeitsjournal kann sowohl handschriftlich als auch digital geführt werden. Bei der Arbeit im Team kann es auch eine gemeinsame Datei sein.

Warum ein Tagebuch und noch ein Arbeitsjournal? Die Trennung zwischen Schreibtagebuch und Arbeitsjournal ist vor allem relevant, wenn Sie in einem Team arbeiten. Im Tagebuch schreiben Sie über Ihre Gefühle, im Arbeitsjournal arbeiten Sie mit den anderen zusammen – vielleicht wollen Sie dann nicht, dass jeder liest, wie müde Sie zum Beispiel waren. Wenn Sie allein arbeiten, können Sie auch beides kombinieren.

Prozess-Portfolio – Das Schreiben dokumentieren

Ihr Text ist fertig? Dann fügen Sie am Ende der Arbeit ausgewählte Teile aus Ihrem Schreibtagebuch (natürlich nur, wenn Sie wollen) und Ihrem Arbeitsjournal zu einem Prozess-Portfolio zusammen.
Im Prozess-Portfolio archivieren Sie auch Ihre Quellen, Ihre Literaturlisten, Recherche-Ergebnisse, Exzerpte von Büchern oder Artikeln und und und. Alles, was Sie auf dem Weg zu Ihrem Text unterstützt hat, findet seinen Weg ins Prozess-Portfolio. So können Sie später nachvollziehen, wie Sie zu Ihrer abgegebenen Textversion gekommen sind.

Produkt-Portfolio – Das Schreiben präsentieren

Hier kommt nur rein, was glänzt Im Laufe der Zeit schreiben Sie sicherlich viele Texte. Manche finden Sie besser als andere. In Ihrem Produkt-Portfolio sammeln Sie Ihre besten Texte. Es ist Ihr Schaufenster auf Ihre Arbeit. So haben Sie mit einem Griff (oder einem Klick) jederzeit Ihre besten Texte zur Hand. Für sich selbst, für Bewerbungs- oder Bewertungsgespräche, fürs Selbstmarketing.

Im Lauf der Zeit werden Sie die Entwicklung sehen, die Sie beim Schreiben machen.

Für die Arbeit mit dem Portfolio müssen Sie zwar etwas Zeit einplanen, um Ihre Arbeit zu reflektieren und alle Materialien zusammenzufügen. Die Zeit ist aber gut investiert. Schließlich verbessern Sie gerade Ihr Schreiben. Und Ihre Quellen und Literaturlisten sollten Sie ja eigentlich sowieso dokumentieren

Probieren Sie es aus. Wir sind gespannt, welche Erfahrungen Sie damit machen.

Herzliche Grüße

Nadja Buoyardane und Franziska Nauck

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