Von Franziska Nauck

Komplexe Themen vermitteln – Was uns die Corona-Kommunikation fürs Schreiben lehrt

Auch wir kommen nicht um das Thema Corona herum – natürlich aus einer anderen Perspektive: Wie lässt sich über ein komplexes Fachgebiet schreiben, ohne zu vereinfachen und zu verkürzen und dabei doch für Laien verständlich?

Dazu gehört auch die Frage: Wie bringe ich auch Schnell- und Flüchtigleser:innen meine Kernbotschaft nahe und vermeide bei ihnen ein falsches Verständnis?

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: In den vergangenen Tagen wurde eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass das Covid-19-Virus sich bis zu 72 Stunden auf bestimmten Oberflächen halten kann.

Eine Aussage, die im Moment für uns alle relevant ist, weil sie unmittelbar die Frage nach möglichen Ansteckungswegen berührt. Gleichzeitig verunsichert diese Information, weil viele Medien die Ergebnisse dieser Studie nicht eingeordnet haben. Ja, nicht einordnen konnten, weil ihnen selbst die Expertise dafür fehlte.

Doch der Reihe nach:

Vereinfachung in der Headline

Viele Medien haben über die US-Studie berichtet, die herausgefunden hat, wie lange Covid-19-Viren auf verschiedenen Oberflächen überleben. Wie lässt sich nun über eine solche Fachstudie schreiben, die für Laien sehr komplexe Inhalte enthält?

Wir greifen einmal die Berichterstattung der Tagesschau heraus. Der Artikel auf der Webseite der Tagesschau ist überschrieben:

Gefahr an Türklinke und Tischplatte? (17.03.20)

Die Tagesschau-Schlagzeile vereinfacht das Ergebnis der Studie stark und setzt an den Emotionen ihrer Adressaten an, in diesem Fall an der Angst vor Ansteckung.

Allerdings ist der Grat zwischen einer Überschrift, die „den Leser abholt“ und einer reißerischen Überschrift sehr schmal und Autor oder Autorin tragen die Verantwortung dafür, dass eine Headline nicht in die Irre führt.

Hier hat die Tagesschau schon sehr vereinfacht: Das Signalwort „Gefahr“ spricht die Angst der Leser an. Am Ende steht zwar ein Fragezeichen, aber ob dies beim flüchtigen Schlagzeilen-Scanner unter den Leser:innen hängen bleibt, darf bezweifelt werden. Unter Umständen speichert dieser nur ab „Gefahr an Türklinke und Tischplatte“.

Hier hätte es für unseren Geschmack durchaus sachlicher sein können, wie es zum Beispiel der SWR tat: So lange hält sich das Virus auf Oberflächen (SWR Wissen im Internet, 12.03.20)

Die SWR-Headline ist vollkommen sachlich. Sie kündigt einfach an, welche Aussage im Artikel gemacht wird bzw. welches Ergebnis die Studie gebracht hat.

Allerdings: Die Tagesschau-Headline erreicht vermutlich mehr Aufmerksamkeit und wird mehr Leser:innen dazu animieren, den Text wirklich zu lesen, um eine Antwort auf die alle bewegende Frage nach der Ansteckungsgefahr zu bekommen.

Teaser und Zwischenüberschriften

Der Tagesschau-Text relativiert die reißerische Anmutung in ihrem Teaser jedoch schnell:

Wie gefährlich ist es, in Zeiten von Corona Tür oder Tisch anzufassen? Laut einer US-Studiehalten sich die Viren bis zu 72 Stunden auf Kunststoff und Edelstahl. Virologe Drosten mahnt aber zu differenzieren.

Der Teaser beginnt mit der präzisierten Frage (der Lesenden), die in der Headline verkürzt und zugespitzt ist. Diese Frage hätte sicherlich als Überschrift ebenfalls funktioniert und genauso viel Interesse geweckt, ohne jedoch so reißerisch zu sein.

Im zweiten Satz wird nun das Ergebnis der Studie formuliert. Der dritte Satz ist entscheidend: Denn hier wird schon einer DER Experten für das Thema genannt und das Wort „differenzieren“ taucht auf. Aha – als Leserin merke ich hier auf. Vielleicht ist der Zusammenhang nicht so wie ich im ersten Moment glaubte.

Die nächste Zwischenüberschrift transportiert diese Botschaft auch deutlich. Sie lautet „Test und Wirklichkeit“ und deutet bereits darauf hin, dass sich aus den Ergebnissen der Studie nur bedingt Schlüsse für mein konkretes Verhalten ziehen lassen.

Einordnen und Differenzieren

Genau das bestätigt sich auch im Text. Er zitiert direkt den Virologen Christian Drosten. Dieser ordnet die Studie ein, indem er beschreibt, wie das Experiment durchgeführt wurde. Sein Fazit ist, dass die Aussagekraft der Studie für unsere Realität sehr begrenzt ist.

Mit dieser Aussage nimmt er uns die Angst, dass „Türklinken und Tischplatten“ eine wesentliche Infektionsquelle sind.

Fazit:

Die Schlagzeile des Artikels ist suggestiv und geeignet, Ängste zu schüren. Gleichzeitig macht sie neugierig auf die Antwort der Frage. Beim Lesen des Teasers merken die Leser schnell, dass der naheliegende Schluss nicht gilt. Dies steht auch im weiteren Text im Fokus, sodass dieser den Menschen die zuerst geschürte Angst (wieder) nehmen kann.

3 Tipps für Ihren Fachtext

Aus dieser kurzen Analyse leiten sich drei Tipps ab, wie Sie Fachtexte verständlich schreiben, ohne die Inhalte zu verkürzen:

Tipp 1: Einfach heißt einfach in der Sprache

Halten Sie sich an die Regeln für verständliche, klare Sprache. Ein Beispiel dazu finden Sie in einem früheren Blogbeitrag.

Denken Sie auch daran: Laien Fachinhalte zu vermitteln, heißt zu erklären und zu übersetzen. Dies braucht oft mehr Wörter als die direkte Kommunikation mit Fachkolleg:innen. Vor allem sollten Sie dabei möglichst einfache Wörter verwenden, die dem Laien ganz sicher bekannt sind.

Tipp 2: Ordnen Sie ein und differenzieren Sie früh im Text

Ordnen Sie die Ergebnisse für die Laien ein. Etwas, was für Sie eine ganz selbstverständliche Konsequenz aus dem Sachverhalt ist, muss es für einen Laien noch lange nicht sein.

Aus unserem Beispiel. Für Virologen ist eindeutig klar, wie solche Testergebnisse zustande kommen. Sie müssen darüber nicht kommunizieren. Laien hingegen wissen dies nicht. Professor Drosten erklärt daher, wie solche Tests zur Lebensdauer von Viren ablaufen, erläutert die Laborbedingungen und stellt so die Testergebnisse ins Verhältnis zur Realität.

Wichtig: Viele Leser:innen lesen Texte nicht bis zum Ende. Deshalb differenzieren Sie früh im Text und beugen Sie so Missverständnissen und Kurzschlüssen vor. Machen Sie sich sehr genau bewusst, an welcher Stelle die Leser:innen falsche Schlüsse ziehen könnten und beugen Sie dem explizit vor.

Tipp 3: Formulieren Sie aussagekräftige, aber möglichst sachliche Überschriften und Zwischenüberschriften – interessant, aber nicht reißerisch.

Stellen Sie sicher, dass auch jemand, der den Text nur scannt, anhand der Zwischenüberschriften die Botschaft versteht bzw. nicht missverstehen kann.

Die Tagesschau tut dies zum Beispiel durch die Zwischenüberschrift „Test und Wirklichkeit“. So lässt sich schon erahnen, dass es hier Unterschiede gibt.

Der Text des SWR, der bereits aufgrund seiner sachlicheren Überschrift von uns angeführt wurde, hat dies sogar noch besser gelöst: „Für eine Ansteckung über Oberflächen braucht man genügend Viren“. Diese Überschrift ordnet ein – auch für Schnellleser.

Komplexe Themen erfordern mehr Aufmerksamkeit: bei Schreibenden und Lesenden

Bei komplexen Themen sollten wir alle etwas mehr Mühe aufbringen. Zwar obliegt es vor allem den Schreibenden, ihr Thema besonders nachvollziehbar zu strukturieren und klar zu formulieren. Bei sehr komplexen Themen allerdings braucht es auch etwas mehr Disziplin auf der Seite der Leser:innen.

Komplexe Themen verlangen mehr Aufmerksamkeit als das flüchtige Lesen von (Zwischen-)Überschriften. Corona zeigt uns also nicht nur, wie unser Leben unter großen Einschränkungen aussieht. Wollen wir wirklich verstehen, was vor sich geht, hält es uns auch dazu an, (wieder) konzentrierter zu lesen. Denn nur so können wir komplexe Themen wirklich begreifen.

Bleiben Sie gesund und solidarisch!

Herzlichst,
Franziska Nauck und Nadja Buoyardane

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